Ehemalige Astra-Werke AG: Gedenktafel in Chemnitz enthüllt

Am 13. April 2018 wurde am Eingang der Landesdirektion Sachsen in Chemnitz, Altchemnitzer Straße, feierlich eine Gedenktafel für die zwischen 1939 - 1945 rund 1600 sowjetischen Kriegsgefangenen, deportierten Zivilisten aus Ost- und Westeuropa und KZ-Häftlinge, die in der damals dort ansässigen Astra-Werke AG als Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden, enthüllt.

 Ein Außenlager des KZ Flossenbürg

 

Von Oktober 1944 bis April 1945 befand sich zudem innerhalb des Geländes der Astra-Werke AG an der Altchemnitzer Straße  ein Außenlager des KZ Flossenbürg.  Beispielsweise traf  am 24. Oktober 1944 ein Transport von weiblichen Häftlingen aus dem KZ Auschwitz ein. Erforscht ist, dass diese 510 Frauen und Mädchen aus der Sowjetunion, aus Polen und Italien Sklavenarbeit leisten mussten. Sie waren im 5. Stockwerk des Werkes I untergebracht. Die Astra-Werke AG, ursprünglich als Buchungsmaschinenwerk gegründet, war zur genannten Zeit hauptsächlich in die Rüstungsproduktion für die faschistische Wehrmacht  eingebunden. Die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter mussten für den Krieg mit der Produktion von Maschinenpistolen, Karabinern, Ausrüstung für U-Boote tätig sein. Noch heute steht eine der alten Barackenunterkünfte an der Heinrich-Lorenz-Straße.


An eine angemessene Ernährung war nicht zu den Dazu kamen die Schikanen der SS-Wachmannschaften. Nicht wenige der so geknechteten kamen dabei ums Leben. Krankheiten und Unterernährung zählten zu den Ursachen. Kurz vor Kriegsende, im April 1945, gingen dann die KZ-Häftlinge auf Transport. Sie mussten in der Nacht vom 12. zum 13. April durch Chemnitz zum Bahnhof Hilbersdorf marschieren. In verschlossenen Güterwagen fuhren sie, nachdem sie eingeschlossen in den Waggons eine Nacht ausharren mussten,  nach Leitmeritz (Litomerice). Dort zwangen die Faschisten sie  abermals, bis zur Befreiung durch die Rote Armee in einer Munitionsfabrik in Hertine Fronarbeit zu leisten.

Ehrendes und mahnendes Gedenken


Die Initiative für das Gedenken geht von der Bürgerschaftlichen Initiative "Historischer Atlas Sachsen 1933-1945" unter der Federführung des Zschopauer Historikers Dr. Hans Brenner aus. In enger Kooperation mit der Landesdirektion Sachsen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, Stadtverband Chemnitz, war es möglich geworden, die Gedenktafel anzubringen. Eine Begleitausstellung informiert darüber hinaus über das zweifelhafte Engagement der ASTRA-Werke AG wärend der Zeit des deutschen Faschismus bis zur Befreiung durch die Rote Armee. In seiner Eröffnungsrede verwies der Präsident der Landesdirektion Sachsen, Dietrich Gökelmann, auf die Notwendigkeit, diese Vergangenheit immer wieder ins Bewußtsein der Nachfolgegenerationen zu lenken. Gökelmann selbst gestand, bis vor kurzem überhaupt noch nicht darüber informiert gewesen zu sein, dass jenes Gebäude, in dem seine Behörde heute arbeitet, eine solche Vergangenheit hat. Genau so erginge es seinen Mitarbeitern.  Er versicherte, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seiner Behörde sich dieser Verantwortung bewusst seien.

Es wurde höchste Zeit


Dr. Hans Brenner berichtete in seinem Vortrag noch einmal über die Entstehung der Initiative sowie über die Forschungsarbeiten des Autorenkollektivs. Kritisch setzte er sich mit der schleppenden Erforschung und Analyse der Zeit des Faschismus in den jeweiligen Territorien auseinander. Es sei nachdenkenswert, warum erst 73. Jahre nach dem Ende des Faschismus eine Ehrung stattfinden konnte. Erst in den 90er Jahren habe der Freistaat Sachsen einen "Atlas zur Geschichte und Landeskunde von Sachsen", vorwiegend für schulische Zwecke, erstellt. Unergründlich, warum die Zeit zwischen 1933 bis 1945 in diesem Werk überhaupt keine Erwähnung fand. Dies war auch der Grund, warum sich Dr. Hans Brenner zusammen mit rund 50 Mitforschern an die Arbeit machten.  Dabei verwies er auf das jüngst erschienene Buch, ein Ergebnis der Forschungen Dr. Brenners und seiner Mitstreiter, "NS-Terror und Verfolgung in Sachsen", das unentgeltlich in der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen bestellt werden kann.


Zu den Gästen der Veranstaltung gehörten u.a. der Italienische Honorarkonsul, Andreas Aumüller, Alexandr Levanovich, Gesandten-Botschaftsrat Weißrussland, Justin Sonder, Auschwitz-Überlebender und Ehrenbürger der Stadt Chemnitz, Siegmund Rotstein, Ehrenvorsitzender der VVN-BdA Chemnitz und ebenfalls Ehrenbürger von Chemnitz, Marga Simon, Tochter des Widerstandskämpfers Ernst Enge aus Chemnitz sowie die Vizepräsidentin des Landtages Sachsen, Andrea Dombois. Neben Vertretern des Land- und Bundestages, der Jüdischen Gemeinde und Mitglieder der Stadtratsfraktionen konnten auch rund 20 Zehntklässler aus dem  Chemnitzer Kepler-Gymnasiums begrüßt werden.


Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgten Ludwig Streng und Sabine Kühnrich vom Trio "QUIJOTE".

Text/Fotos: Jonny Michel

 

 

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