Sie verbrannten tatsächlich am Ende Menschen

Als christliche Ritter 1499 das spanische Granada eroberten, wurde auf dem Markt ein Koran ins Feuer geworfen. Heinrich Heine verarbeitete diese Begebenheit in seiner Tragödie "Almansor" (1821) mit den Worten, die er Hassan, der verzweifelt gegen die christliche Besatzung kämpfte, in den Mund legte: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen".

Über ein Jahrhundert später, vor 85 Jahren, 1933, brannten in Deutschland ebenfalls die Scheiterhaufen. Die deutschen Faschisten, kaum dass ihnen die Macht übergeben worden war, begannen bereits im März 1933 mit ihren Terroreinheiten von SA und SS, NSDAP und Hitlerjugend Verlags- und Gewerkschaftshäuser zu stürmen, um unliebsame Schriften öffentlich auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Bereits am 7. März brannten Bücher in Dresden auf der Großen Meißner Straße. Es folgten am 8. März Verbrennungen auf dem Wettiner Platz und in Zwickau. In Leipzig und Pirna wüteten die Faschisten am 9. März. Julius Schoeps und Werner Treß listen in ihrer Studie "Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland" drei Phasen der Aktionen auf. So gab es Bücherverbrennungen unabhängig der Aktion "Wider den undeutschen Geist" vor dem 10. Mai 1933. Genannt werden Städte wie Berlin, Bochum, Bremen, Dresden Leipzig, Münster u.v.a.m.. Als Auftakt für die studentischen Aktionen "Wider den undeutschen Geist" gilt der 12. April 1933. In vielen Zeitungen wurden 12 Thesen propagiert. In roter Frakturschrift wurden Plakate mit diesen Thesen in den deutschen Universitäten angebracht.

Wider den undeutschen Geist!

1. Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke. Das deutsche Volk trägt die Verantwortung dafür, daß seine Sprache und sein Schrifttum reiner und unverfälschter Ausdruck seines Volkstums sind.

2. Es klafft heute ein Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum. Dieser Zustand ist eine Schmach.

3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir! Dein Volk hat Dir die Sprache zur treuen Bewahrung übergeben.

4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist.

5. Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.

6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.

7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen.

Wir fordern deshalb von der Zensur:

Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in deutsch, sind sie als Uebersetzung zu kennzeichnen.
Schärfstes Einschreiten gegen den Mißbrauch der deutschen Schrift.
Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung.
Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.

8. Wir fordern vom deutschen Studenten Wille und Fähigkeit zur selbständigen Erkenntnis und Entscheidung.

9. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Reinerhaltung der deutschen Sprache.

10. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Ueberwindung des jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben.

11. Wir fordern die Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste.

12. Wir fordern die deutsche Hochschule als Hort des deutschen Volkstums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes.

Die Deutsche Studentenschaft.

In Münster hatten sich bereits am 31. März Buchhändler mit den Aktionen solidarisch erklärt. Zwar propagierten sie nicht die Verbrennung der Bücher, jedoch veröffentlichte der Ortsverein der Buchhändler ein Schreiben, in dem aufgefordert wurde, Bücher von bestimmten Schriftstellern und bestimmten Inhaltes weder in den Auslagen auszustellen, noch zu verkaufen.

"Der Ortsverein hat einstimmig beschlossen, alle Bücher und Schriften, die dem Geiste der nationalen Erneuerung abträglich sein könnten, aus den Lagern zu beseitigen und derartige Schriften weder in den Auslagen zu zeigen noch irgendwie zu vertreiben", hieß es u.a. in dieser Schrift.


Die zweite Phase von Mai bis Juni 1933 konzentrierte sich um den 10. Mai. Im Rahmen der Aktionen "Wider den undeutschen Geist" fanden Verbrennungen u. a. in Landau, München, Regensburg Speyer und natürlich Berlin statt.


Nach den eher sporadisch organisierten Aktionen von März bis Anfang Mai also steigerte sich die Hysterie vor allem gegen jüdische und marxistische Autoren. Höhepunkt und in der Geschichtsschreibung am häufigsten gewürdigt, war die Bücherverbrennung auf dem Opernplatz in Berlin am 10. Mai. Die Blaupause dafür lieferte das Wartburgfest 1817. Deutschnationale Studenten warfen dort Makulatur, beschriftet mit Buch- und Autorentiteln und unter Rufen der Namen ins Feuer. Auch bei der Aktion am 10. Mai wie bei vielen weiteren, waren vor allem Studenten federführend, hatte doch die Bewegung "Wider den undeutschen Geist" in der Studentenschaft, die zum großen Teil deutsch-national eingestellt war, längst Fuß gefasst. Auf dem Opernplatz in Berlin inszenierte Joseph Goebbels zudem seinen großen Auftritt. "Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist zu Ende (...) Ihr jungen Studenten seid Träger, Vorkämpfer und Verfechter der jungen revolutionären Idee dieses Staates (...) Und deshalb tut Ihr gut dran, um diese mitternächtliche Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen (...)". rief Goebbels der versammelten Studentenschaft, der SA und all den anderen Faschisten zu. Unter Jubel und mit dem Zelebrieren so genannter Feuersprüche wie: "Gegen Klassenkampf und Materialismus, Für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe den Flammen die Schriften von Marx und Kautsky", fielen Werke u.a. von Heinrich Mann, Erich Kästner, Siegmund Freud, Tucholsky und Ossietzky in die Flammen.


Die Feuersprüche

1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, Für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe den Flammen die Schriften von Marx und Kautsky.

2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, Für Hingabe in Volk und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Friedhelm Förster.

4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, Für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.

5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, Für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.

6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, Für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolf und Georg Bernhard.

7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, Für Erziehung des Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, Für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.

9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, Für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!



Die dritte Phase ab Mai 1933 nach den Aktionen im Rahmen "Wider den undeutschen Geist" wurde vorwiegend durch Schulbehörden angeordnet und fanden hauptsächlich auf Schulhöfen in der preußischen Rheinprovinz im Rahmen der Aktion "Deutsche Geistigkeit und Kultur" statt. Dokumentiert sind Städte wie Bretten, Heidelberg, Karlsruhe, Kehl u.a..


Zwar war der 10. Mai 1933 der Höhepunkt vieler Bücherverbrennungen nicht nur in Berlin sondern auch in Dresden an der Bismarcksäule, in Greifswald, Göttingen, Nürnberg und vielen anderen Städten, jedoch fanden später, wie in Neustadt an der Weinstraße oder in Mainz noch zahlreiche weitere Aktionen statt. Zuletzt, so die Geschichtsschreibung, am 9. Oktober in Rendsburg auf dem Paradeplatz. Das im Allgemeinen der 10. Mai als Hauptdatum angesehen wird, ist demnach höchstens der Vereinfachung mit dem Umgang von Jahrestagen geschuldet. Sicher gilt dieses Datum auch deshalb so als herausragend, weil natürlich die Bücherverbrennung in Berlin mit Joseph Goebbels als Redner ein prägnantes Symbol darstellt.


Insgesamt werden über 100 Bücherverbrennungen aufgelistet. An vielen Orten sind heute Gedenktafeln angebracht, auf denen auch das anfangs erwähnte Zitat Heines zu lesen ist. Heines Hassan sollte Recht behalten - am Ende verbrannten die Faschisten Menschen.

Text/Fotos: Jonny Michel

 

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