30. August 2020 – 75 Jahre Ehrenfriedhof der Verfolgten des Naziregimes in Chemnitz Reichenhainer Str.

Sehr geehrte Chemnitzerinnen und Chemnitzer, Gäste unserer Stadt

 

im 75. Jahr nach der Weihe dieses Ortes, eines Ortes des Friedens, des Erinnerns, Gedenkens und Mahnens, haben wir uns zusammengefunden, damit nicht vergessen wird, wie es einst war und wie es dazu kam - damit es sich nicht wiederhole.

Sehr geehrte Chemnitzerinnen und Chemnitzer, Gäste unserer Stadt

im 75. Jahr nach der Weihe dieses Ortes, eines Ortes des Friedens, des Erinnerns, Gedenkens und Mahnens, haben wir uns zusammengefunden, damit nicht vergessen wird, wie es einst war und wie es dazu kam - damit es sich nicht wiederhole.

In den Amtlichen Bekanntmachung vom 11. August 1945, aufgemacht mit dem Titel: „Chemnitz ehrt die Opfer des Faschismus.“, überschlagen sich die Autoren in ihren Worten, ob der Masse an Menschen, die dem Aufruf zur Würdigung, des Gedenkens folgten. Mehr als 30 000 Chemnitzerinnen und Chemnitzer waren damals freiwillig, so wird es betont, auf den Beinen. Die historischen schwarz-weiß Bilder des Tages untermalen diese Einschätzung imposant.

Über dem Eingangsportal zum Friedhof prangte die Losung: „Sie waren Saat – Wir wollen Ernte sein!“ Auf dem Friedhof selbst, dessen Erde die Urnen mit den sterblichen Überresten der Chemnitzer Widerstandskämpfer aufnimmt, die Losung: „Aus dem Blute unserer Toten keimt die neue Saat.“

Mögen uns diese Losungen heute etwas befremdlich erscheinen, vielleicht weil wir mit weniger Pathos, weniger Heroismus an die Betrachtung der Geschichte herangehen und die Preisung eines vermeintlichen Opferganges in uns Fragen weckt, nach dem Warum, dem Wozu und in unserer individualistisch geprägt erscheinenden Gegenwart auch, ob der, der das wichtigste was der Mensch besitzt, das eigene Leben, gegeben hat, tatsächlich bis zu diesem äußersten Punkt des Kampfes bereit war zu gehen, bereit war zu sterben - oder - ob ihm das Leben nicht genommen wurde - oder es ab einem gewissen Punkt, keinen anderen Ausweg mehr gab, um das Leben anderer nicht bedroht zu wissen.

Dabei ist es am Ende jedoch egal, wie wir die damalige Situation, wenige Wochen nach der Befreiung, heute einschätzen, sie ist in ihren Losungen geprägt vom Wille zur Überwindung des Nationalsozialismus mit aller Konsequenz, der Bereitschaft, die gesamte Bevölkerung auf einen glücklicheren, neuen Weg in eine kulturvolle Gesellschaft mitzunehmen.

Ausdruck fand in den Beiträgen auch explizit die Unteilbarkeit des Widerstandes und der Menschen die Opfer des Faschismus wurden. Die Tage waren davon geprägt, daß die gerade noch verhassten, verfemten, die aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern befreiten Widerstandskämpfer und Verfolgten des NS-Terrors, diese Losungen ausgaben und bereit waren, sich an die Spitze einer Bewegung zum Aufbau des Landes zu stellen.

Sie nahmen sich dieses Recht nicht von ungefähr. Sie hatten die Opfer aus ihren Reihen zu beklagen, sie warnten vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Januar 1933, sie waren in die Illegalität und Emigration gezwungen. Sie waren es, die bereit waren dem deutschen und zunächst dem spanischen Faschismus Paroli zu bieten.

In Spanien kämpften sie die erste internationale Schlacht gegen den Krieg, gegen die Weltordnungspläne Deutschlands. Ihr Mut löste eine Welle der Solidarität aus, die die Erde umspannte und so wundert es nicht, daß die Fahne der Spanienkämpfer als erste am am 8. August 1945 im Urnenfeld eintraf und der Chemnitzer Interbrigadist Werner Kinzel sich mit seinen Worten an die Menschen wandte.

Heute begrüße ich die Kinder und Freunde der Spanienkämpfer und gebe Harald Wittstock aus Berlin das Wort.

Im August 1945, wurden drei Chemnitzer geehrt, die ein gemeinsamer Kampf, gemeinsame Ideale und ein gemeinsamer Leidensweg verband. Sie fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Rudolf Harlaß, Ernst Enge und Gustav Klukas, die sich bereits 1933 dem Widerstand angeschlossen hatten, ja, ihn selbst organisierten und diesen bis zur letzten Konsequenz bereit waren, fortzusetzen. Sie gehören zu den letzten Opfern des Faschismus in Chemnitz. Inhaftiert im Gefängnis auf dem Kaßberg kamen sie, unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben. Unter der Aufsicht der Gestapo wurden ihre Leichnamen eingeäschert. Den Familien war bis zur Befreiung die Möglichkeit der Abschiedsnahme genommen. Nicht einmal diese letzte Würde gestand man ihnen zu.

Ihre Angehörigen konnten sich erst an jenem denkwürdigen Tag der Weihe der Ehrengräber verabschieden.

Heute erinnern wir gemeinsam mit euch, liebe Marga und Ernestine, an euren Vater Ernst Enge und euren Onkel Gustav Klukas. Unsere Stadt ehrt die Widerständler mit Stolpersteinen und mit der Eingemeindung von Wittgensdorf kehrte auch Rudolf Harlaß, nach dem in diesem Ortsteil eine Straße benannt ist, in das Bewußtsein von Chemnitz zurück.

An diesem stillen Ort, finden wir die Gräber von Menschen, die aus politischen, religiösen oder „rassischen“ Gründen verfolgt wurden. Frauen wie Ly Epperlein, die ebenso dem Widerstand angehörte, im Kaßberggefängnis inhaftiert war und nach ihrer Verurteilung in das Zuchthaus Waldheim verbracht wurde.

Die letzte Ruhestätte der Jüdin und Kommunistin Gustl Ritscher, die nach Jahren der Haft mit ihrem Mann nach Frankreich emigriert war und nach dem Kriegsende in ihre Heimatstadt zurückkehrte.

Das Grab des Cristdemokraten, des Feingeistes Sigfried Streubel, der als Angehöriger der Wehrmacht in Polen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene unterstütze, ins Visier der Gestapo geriet und unschädlich gemacht werden sollte.

Und unmittelbar neben seinem Grab, das seines Freundes Erich Knorr, dem Kommunisten, Proletarier, der Zeit seines Lebens nach Bildung und Wissen strebte, die Fesseln der eigenen Herkunft zu überwinden suchte, der im Frühjahr 1944 als Angehöriger des Strafbataillons 999, über seinen Kameraden Karl König aus Berlin, der in Kontakt mit Julius Leber stand, von einem geplanten Staatsstreich erfuhr und den Auftrag erhielt, zuverlässige Soldaten der Bewährungseinheit ausfindig zu machen, damit sie nach einem geglückten Attentat auf die Führung des 3. Reiches, als regierungstreue Truppen, einer neuen Administration, nach Berlin ausgeflogen werden könnten.

Aus der eigenen Familiengeschichte um ihren Urgroßvater Paul Adolf Franz Lejeune, sind die Umstände der Geschehnisse um den 20. Juli 1944, der Stadträtin der CDU Almut Patt bekannt. Ich begrüße Sie herzlich, ebenso wie die Vertreterin der Stadtratsfraktion der Partei DIE LINKE Susanne Schaper und von Bündnis 90/ die Grünen Volkmar Zchocke und freue mich auf ihre Worte.

Werte Chemnitzerinnen, werte Chemnitzer, es ist eine große Freude für uns, daß in unseren Reihen noch immer Kameradinnen und Kameraden aktiv sind, die Zeugnis ablegen von dem was sie während der Zeit des deutschen Faschismus erlebten, erlitten – daß sie bereit sind zu sprechen aus ihrem Leben, Überleben und dem neuen Anfang 1945. Dankbar sind wir Dir, liebe Edith Heinrich, daß Du uns teilhaben läßt, an Deinen Erinnerungen, Deinen Gedanken und Deiner Lebensfreude selbst, dadurch schenkst Du uns Kraft und Mut, gibst uns Freude im Alltag.

Noch einmal soll es betont sein, daß dieser Ort seit 75 Jahren besteht, ein Ort der uns und Nachgeborenen Anhalt gibt, geben kann, nicht zu vergessen – die Menschen, deren Namen in den Steinen verewigt sind haben nicht allein nur gekämpft, gelitten – sie haben gelebt und geliebt, hatten Familien und Freunde – waren nicht unfehlbar – doch sie haben sich im entscheidenden Momenten des Daseins entschieden, gegen die Unterdrückung, die Tyrannei und Unrecht aufzubegehren, mit dem Mut der persönlichen Verantwortlichkeit.

Nie wieder – Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg war unisono ihre Losung nach dem 8. Mai 1945.

Über ihre Lebenswege und Entscheidungen, wie und was für ein Leben sie ersehnten nachzudenken, ihren Spuren zu folgen – die Geschichten und Geschichte verstehen zu können – ist hier ein Ausgangspunkt, hier stehen ihre Namen – lassen wir nicht zu, daß Unwille, Bequemlichkeit, kleinliche Haushaltspolitische Fragen oder Ignoranz zum Vergessen führen, daß nicht das Gras gänzlich über den Stein und die Geschichte wächst. Wir möchten, daß dieser Ort zu einem Denkmal wird, mit den Kriegsgräbern und denen die nachfolgten, ein würdiger Ort, der so fest verankert zu unserer Stadt gehört. Wir hoffen auf einen Erhalt aller Grabstätten und Pflege des Ehrenfriedhofes.

Rede von Enrico Hilbert

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