Kriegsspuren in Chemnitz

Offener Brief des Verbandes der Verfolgten des Naziregimes Chemnitz

An die Stadt Chemnitz, die Oberbürgermeisterin, die Bürgermeister, Stadträtinnen und Stadträte, Denkmalschutzbehörde, Hausbesitzer, Vertreter der Medien, Vereine und Verbände sowie die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt

Chemnitzer – Kriegsspuren Chemnitz 14. Mai 2020

Sehr geehrte Chemnitzerinnen und Chemnitzer,

in den zurückliegenden Monaten seit Jahresbeginn, hatten wir gemeinsam Gelegenheit, die 75. Jahrestage der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager, der Zerstörung unserer Heimatstadt als Folge der Logik des Krieges, der an seinen Ursprung zurückkehrte und die Befreiung von Faschismus und Krieg in Deutschland am 8. und 9. Mai zu begehen. Seit 75 Jahren leben wir in unserer Stadt frei von Krieg und massenhaftem Gewaltgeschehen. Dabei ist es für einen überwiegenden Teil der Menschen unstrittig, dass wir an diese Zeit erinnern wollen und sie dauerhaft in unser historisches Gedächtnis Eingang finden soll, um unserer Zukunft Willen.

Unklar bleibt, wie dies geschehen soll, denn in unserer Natur liegt es, dass die Zeugen und Beteiligten jener Tage vor drei Generationen nicht mehr unter uns weilen werden, um zu erinnern, zu mahnen und um mit den Nachgeborenen ins Gespräch zu kommen.

Ein wichtiger Anhaltspunkt, damit wir nicht vergessen und die Geschichte lebendig bleiben kann, sind die Spuren, die uns diese Zeit von Faschismus und Krieg hinterlassen haben. Insbesondere die allgegenwärtige Anwesenheit des Krieges und seiner Not in jenen Tagen war uns, die wir in Chemnitz in den Jahren vor der politischen Wende aufgewachsen sind, bewusst, denn wir haben bis in die 1990er Jahre an allen Orten des alten Chemnitz die Spuren gesehen, die Aufschriften an den Häusern, die darauf hinwiesen, wo sich LSR – Luft-Schutz-Raum, LSG – Luft-Schutz-Gang oder Hydranten und Wasserstellen befanden, Pfeile wiesen den Weg zu den Eingängen in die gekennzeichneten Häuser und Grundstücke. Und wir kannten diese Keller und die „Luftschutzanlagen“, unsere Kohlen, das Holz und die Einweckgläser mit den Kirschen aus dem Garten waren dort verstaut. Es sah da wenig nach Schutz aus. Und viele fragten sich und fragten vor allem die Großeltern, die Urgroßeltern, was es mit den Schriftzügen auf sich hatte. Diese Schriften waren und sind heute noch Zeugnisse und Anlass ins Gespräch zu kommen über den Krieg, seine Ursachen und Folgen, die wir auch erlebten unter anderem in der Teilung unseres Landes.

Heute finden wir diese Spuren kaum noch, aber sie sind noch vorhanden und wir sollten auch den künftigen Generationen die Möglichkeit geben, die Chance zu haben, dass sie ihnen auffallen, dass sie Anstoß sein können zu fragen, sich zu interessieren und sich auf die Spuren des Krieges in unserer Stadt zu begeben und so auch die Berichte der Zeitzeugen, der Kinder des Krieges, der Überlebenden von Holocaust und KZ und den Zukunftsfragen von Krieg oder Frieden nachvollziehen können.

Wir bitten Sie, eine Initiative zu unterstützen, die diese Inschriften unter Schutz stellt und sie für lange Zeit bewahrt!

Enrico Hilbert – Jonny Michel – Johanna Güther – Hannelore Wagner – Thiemo Kirmse – Andreas Knorr – Günter Schmidt – Dietmar Wendler – Rainer Ritscher Vorstand des Verbandes der Verfolgten des Naziregimes

Chemnitz Rosenplatz 4, 09126 Chemnitz

info@vvn-bda-chemnitz.

Fotos: Jonny Michel

Kriegsspuren in Chemnitz