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Rück- und Ausblick auf die Jahre 2025 bis 2026

Aktuelles

Fast 300 Jahre und noch immer nicht weise

Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichte 1779 das Drama "Nathan der Weise". Das Werk hat als Themenschwerpunkte den Humanitäts- und Toleranzgedanken der Aufklärung. 

In der Figur Nathan der Weise setzte Lessing seinem Freund Moses Mendelssohn, dem Begründer der jüdischen Aufklärung, ein literarisches Denkmal. 

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Ringparabel, somit im Kern die Frage nach dem Wahrheitsanspruch von Religionen. Diese Parabel von den drei Ringen gilt als ein  Schlüsseltext der Aufklärung und als Ausdruck der Toleranzidee.

Es geht es um einen Vater, der einen kostbaren Ring, sein wertvollstes Juwel, an denjenigen unter seinen Söhnen weitergibt, den er am meisten liebt und den er damit zum Erben einsetzt. So verfahren auch seine Nachkommen. Als Generationen später jedoch ein Vater seine drei Söhne alle gleich liebt, lässt er ohne deren Wissen zwei weitere Ringe anfertigen, sodass der Vater „kaum“ und die Söhne gar nicht mehr entscheiden können, welcher Ring der ursprüngliche ist.

Die Parabel wurde dahingehend verstanden, dass der Vater für den liebenden Gott, die drei Ringe für die drei monotheistischen Religionen(Judentum, Christentum und Islam) und die drei Söhne für deren Anhänger stehen.

Es ist die Botschaft von der Gleichberechtigung der drei großen Religionen.

In der Zeit des Faschismus mit einem Spielverbot belegt und das Werk verschwand aus der Schullektüre. Die Aufforderung zur Toleranz und die Darstellung eines menschlich vorbildlichen Juden in der Figur des Nathans widersprach diametral der faschistischen Ideologie. 

Verfilmungen

Das Drama wurde im Jahre 1922 vom jüdischen Filmregisseur Manfred Noa verfilmt. Der Stummfilm galt nach dem Zweiten Weltkrieg als verschollen. Mitarbeiter des Filmmuseums München entdeckten ihn in Moskau, sorgten für eine aufwändige Restaurierung und veröffentlichten ihn 2006 auf DVD. 

Weitere Verfilmungen stammen von Karl-Heinz Stroux(1956), von Hermann Lanske und Leopold Lindtberg(1964), von Franz Peter Wirth(1967), von Friedo Solter und Vera Loebner(1969, DDR), von Oswald Döpke(1979), von Friedo Solter und Margot Thyrêt (1989, DDR) und vonUwe Eric Laufenberg(2006).

Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Chemnitz, Sven Schulze, zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - 27. Januar 2026

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Sächsischen Landtages,
sehr geehrte Mitglieder des Chemnitzer Stadtrates, 
sehr geehrter Herr Dr. Langenfeld,
sehr geehrte Chemnitzerinnen und Chemnitzer,
liebe Gäste,
liebe Schülerinnen und Schüler,

es ist der 27. Januar 1945. Ein bitterkalter Wintertag. Schnee knirscht unter den Stiefeln der Soldaten der Roten Armee. Vor ihnen erhebt sich eine riesige Anlage: Stacheldrahtzäune, Wachtürme, Schienen, die auf ein großes gemauertes Tor zulaufen. Dahinter – ein scheinbar endloses Meer aus Baracken. Holz an Holz. Reihe um Reihe. Rauch hängt in der Luft. Aus einigen Gebäuden schlagen noch Flammen.

Zunächst wirkt dieser Ort verlassen. Still. Tot.
Doch dann hören die Soldaten Stimmen. Einzelne Rufe. Ein Stöhnen.
Als sie das Tor öffnen, kommen Menschen auf sie zu – ausgemergelt, entkräftet, viele krank, viele dem Tod näher als dem Leben. Manche stürzen auf ihre Befreier zu, küssen ihre Wangen. Andere sinken auf die Knie und küssen die Stiefel der Soldaten. Nicht jeder von ihnen hat noch die Kraft. 

All das wissen wir aus Augenzeugenberichten.

Auschwitz ist befreit.

Dieser Ort ist zum Symbol geworden.
Zum Synonym für den Holocaust.
Zum Inbegriff des industriellen Massenmordes.
Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden hier ermordet – überwiegend Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma, politische Gegner, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen.

Heute, 81 Jahre später, stehen wir hier in Chemnitz.
Wir erinnern an die Opfer.
Und stellen uns eine Frage, die mit jedem Jahr dringlicher wird:
Was hat das mit uns zu tun – heute, im Jahr 2026?

Der Nationalsozialismus ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen.
Er begann nicht mit Deportationen und Gaskammern.
Er begann in den Köpfen der Menschen.
Er begann mit Worten.
Mit Spott.
Mit Ausgrenzung.
Mit dem schleichenden Sterben von Mitgefühl und Verantwortung.

Faschismus beginnt dort,
wo Menschen anderen Menschen absprechen, die gleiche Würde zu haben.
Wo die Welt wieder eingeteilt wird in „wir“ und „die“.
In wertvoll und wertlos.
In stark und schwach.


[Anrede],

wenn Sie sich fragen, wie so etwas möglich war, dann lautet die ehrliche Antwort: Weil viele Menschen weggesehen haben.
Weil viele dachten: So schlimm wird es schon nicht werden.
Doch wir wissen heute:
Faschismus endet immer in Unmenschlichkeit.
Und er endet immer in Vernichtung – wenn man ihn gewähren lässt.

Er entsteht oft in Zeiten der Unsicherheit.
Wenn die Menschen Angst um ihre Zukunft haben.
Wenn politische Prozesse kompliziert erscheinen.
Wenn das Gefühl wächst, nicht gehört zu werden.

Dann verspricht er einfache Antworten.
Eine scheinbare Ordnung.
Eine Rückkehr zu den guten alten Zeiten. 
Und er bietet Schuldige an: Minderheiten, Zugewanderte, Jüdinnen und Juden.

So muss der Einzelne sich nicht mehr mit den wirklichen Problemen auseinandersetzen.
Nicht mit sozialer Ungleichheit.
Nicht mit unzureichenden Investitionen.
Nicht mit der eigenen Verantwortung.

Auch heute erleben wir Entwicklungen, die müssen uns wachsam werden lassen.

Studien zeigen:

Rechtsextreme Einstellungen rücken schleichend in die gesellschaftliche Mitte.

Antisemitismus nimmt zu – gerade unter jungen Menschen.

Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen erreicht neue Höchststände.

Und immer weniger Menschen lehnen extremistische Ideologien klar ab.

Das ist kein fernes Kapitel in einem Geschichtsbuch.
Das ist unsere Gegenwart.

Und genau deshalb ist dieser Tag mehr als ein Gedenkritual.
Er ist ein Auftrag.

Erinnerung bedeutet nicht, die leidenden Figuren in schwarz-weißen Fotografien nur als Opfer zu sehen.
Es waren Menschen.
In denen Mut steckte.
Widerstandskraft.
Solidarität.

Viele überlebten, weil sie füreinander da waren.
Weil sie teilten, was sie hatten – auch wenn es wenig war.
Weil sie ihre Menschlichkeit nicht verloren haben – selbst dort, wo man sie ihnen gewaltsam rauben wollte.

Diese Stärke dürfen wir nicht vergessen.

Gedenken wird lebendig,
wenn wir es mit unserem Alltag verbinden.

Wenn wir uns fragen:

Wo stehe ich für andere ein? Hier und Heute. 
Wo widerspreche ich, wenn Menschen herabgewürdigt werden? Hier und Heute.
Wo lebe ich Solidarität – ganz konkret? Hier und Heute.

Es ist nie zu spät, sich gefährlichen Entwicklungen entgegen zu treten.
Und die größte Kraft dafür liegt nicht allein bei Politik oder Institutionen.
Sie liegt bei der Zivilgesellschaft.
Bei uns allen.

Was kann jede und jeder Einzelne tun?

Nicht jede empörende Nachricht ungeprüft weiterverbreiten, denn Panikmache sind Werkzeuge extremistischer Ideologien.
Sich vernetzen, statt sich zurückzuziehen.
Und: die Schönheit in der Welt mehren.
Denn wo Menschen freundlich zueinander sind, wo Kunst entsteht, wo Mitgefühl gelebt wird, dort verliert der Faschismus seinen Nährboden.


[Anrede], 

dass wir heute gemeinsam hier stehen – Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Überzeugungen – ist ein Zeichen der Hoffnung.

Und es ist ein europäisches Zeichen.
Die Anwesenheit des Honorarkonsuls der Republik Frankreich erinnert uns daran:

Aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs ist eine Freundschaft gewachsen, die einst undenkbar war.
Deutschland und Frankreich – ehemals Erzfeinde – stehen heute gemeinsam für Frieden, Demokratie und Menschenrechte.

Das zeigt:
Geschichte ist nicht unabänderlich.
Sie ist gestaltbar, denn wir sind es, die sie schreiben.

Auschwitz mahnt uns nicht nur aus der Vergangenheit heraus.
Es spricht in unsere Gegenwart hinein.
Und es stellt uns eine Frage:
Was für Menschen wollen wir sein?

Lasst uns diese Erinnerung lebendig halten.
Nicht aus Schuld, sondern aus Verantwortung.
Nicht aus Angst, sondern aus Menschlichkeit.

Damit „Nie wieder“ kein leeres Versprechen bleibt.

Sondern eine Haltung.

Ich danke Ihnen.


Ich bedanke mich bei allen, die heute hier sind. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben – für das Erinnern, für das Innehalten, für das gemeinsame Nachdenken. Gerade in einer Zeit, in der vieles laut, schnell und oft auch oberflächlich ist, ist das ein starkes Zeichen.

Die Erinnerung an die Opfer von Auschwitz und des Nationalsozialismus endet nicht mit einer Rede. Wenn wir jetzt auseinandergehen mit mehr Aufmerksamkeit füreinander, mit mehr Bereitschaft zum Widerspruch gegen Ausgrenzung und mit mehr Mut zur Solidarität, dann hat dieses Gedenken seinen Sinn erfüllt.

Im Anschluss an diese Veranstaltung findet im Metropol die Filmvorführung „Justin Sonder“ statt. Die Vorstellung ist ausgebucht; alle vorab angemeldeten Schulen und Schülerinnen und Schüler werden selbstverständlich berücksichtigt. Auch wenn heute nicht alle teilnehmen können, möchte ich diesen Film ausdrücklich empfehlen – er ist sehenswert und regt zum Weiterdenken an.

Für alle, die den Film noch sehen möchten, gibt es eine weitere Gelegenheit: am Friedenstag, dem 5. März 2026, um 16:30 Uhr im Stadtverordnetensaal des Rathauses.

Lassen Sie uns diese Erinnerung mitnehmen. Nicht als Last, sondern als Verantwortung. Nicht als Abschluss, sondern als Auftrag.

Vielen Dank.

(Es gilt das gesprochene Wort)

27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Vor 14 Jahren in der "Freien Presse" der 27. Januar 2012

Der 27. Januar wird seit 1996 als nationaler Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Erich Knorr ist einer der letzten lebenden Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Mit 99 Jahren hat er nun ein Buch veröffentlicht. 

Von Michael Müller

Eigentlich hatte einer wie er niemals in den Krieg ziehen sollen. Als überzeugter Antifaschist und Kommunist galt Erich Knorr, Jahrgang 1912, den Nationalsozialisten als “wehrunwürdig”. Als politischer Leiter der verbotenen Kommunistischen Partei im Raum Burgstädt war er wegen “Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens” - dem üblichen Strafrechtsparagrafen für NS-Gegner - zu mehr als fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden. In Waldheim saß er sie ab. Doch im Herbst 1942, da der Vormarsch der Wehrmacht im Osten unter immer größeren Verlusten allmählich zum Erliegen kommt, wendet sich das Blatt: Auch ehemalige Strafgefangene sollen nun an die Front. Für sie werden spezielle Einheiten zusammengestellt. Als Strafbataillon 999 gehen sie in die Geschichte ein. 

29 Monate verbrachte Erich Knorr als Strafsoldat in ihren Reihen. Mittlerweile hoch betagt, hat der gebürtige Claußnitzer nun ein Buch über diese Zeit veröffentlicht: “Strafsoldat in Krieg und Nachkrieg”, erschienen im Bonner Verlag Pahl-Rugenstein. Auf rund 200 Seiten erzählt es die Geschichte eines deutschen Kommunisten, der in einen Krieg zu ziehen gezwungen war. Sein Weg mit den “999ern” führte in über Griechenland, die Halbinsel Krim, Rumänien und Ungarn zurück nach Deutschland. Bis er im Mai 1945 ins heimatlich Claußnitz zurückkehrte - mit einer roten Binde um den Arm, die ihn als politischen Verbündeten der Sowjets auswies. 

Vor dem 20. Juli 1944

“Es war für mich damals sehr kompliziert”, erinnert sich Erich Knorr an die ersten Monate im Strafbataillon. Als “Politischer” stand er von Beginn an unter besonderer Beobachtung des Stammpersonals. Nicht zu Unrecht, wie er einräumte: Der Vorsatz, bei günstiger Gelegenheit die Fronten zu wechseln und überzulaufen - zu den griechischen Partisanen etwa oder zur Roten Armee - stand für ihn wie viele andere “Politische” von Beginn fest. Doch es kam anders. 
Anfang des Jahres 1944 lernte Erich Knorr den Strafsoldaten Karl König näher kennen, studierte Jurist und Sozialdemokrat. Eine Begegnung, die für ihn zu einem Wendepunkt werden sollte, als König eines Tages von seinem Heimaturlaub in Berlin zurückkehrte und seinem sächsischen Kameraden im Vertrauen eröffnete: “Nächstens wird es ein Attentat auf Hitler geben.” Ehemalige Gewerkschaftsführer und führende SPD-Leute hätten Kontakt zu Offizieren und Generalen, die angesichts der absehbaren Niederlage Deutschlands bereit seien, Hitler zu beseitigen. Er, König, haben den Auftrag unter den 999ern eine Gruppe politischer Strafsoldaten zu rekrutieren, die am Tage nach dem Attentat nach Berlin fliegen und dort als zuverlässige Antifaschisten tätig werden können. 
“Ich habe Bauklötzer gestaunt”, erinnert sich Knorr an jenes Gespräch. “Aber ich war sofort dafür.” Denn noch waren die meisten deutschen Städte intakt, war die Zivilbevölkerung vom Krieg weitgehend verschont und die Chance , Schlimmeres zu vermeiden. “Eine Riesensache, und auch eine Chance für mich persönlich”, schilderte Knorr. “Es gab auf einmal eine Aussicht auf ein schnelles Endes des Krieges und eine akzeptable Alternative zum Übergang zur Sowjetarmee.”
Bedenken, als Kommunist gemeinsame Sache zu machen mit den einstmals zu Todfeinden erklärten Sozialdemokraten, habe er keine gehabt, versichert Erich Knorr. Ursprünglich selbst aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammend, habe er bereits in den 1930er-Jahren gegen den Willen der Parteioberen Einheitsfront-Aktionen von SPD- und KPD-Anhängern organisierte. Ein Foto davon hat sich in seinen Unterlagen erhalten. 
Während seiner Jahre im Zuchthaus Waldheim seine seine Zweifel am Kurs Stalins überdies weiter gewachsen. Vor allem als bekannt wurde, dass der “Große Führer” mit Deutschland einen Nichtangriffspakt geschlossen und deutsche Kommunisten reihenweise an die Gestapo ausgeliefert hatte. Für derlei Zweifel werde er eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden, sol ihm einer der mitgefangenen KPD-Funktionäre damals gedroht haben. 

Misstrauisch beobachtet

Die Nachricht vom Scheitern des Attentats auf Hitler erreichte den Strafsoldaten Knorr im Schützengraben, an vorderster Front, irgendwo im Osten. Karl König habe sich verbotenerweise zu seinem Posten geschlichen, im ihm die Nachricht zu überbringen: “Erich, es hat nicht geklappt”, das sollen damals seine Worte gewesen sein. “Das war natürlich ein furchtbarer Schock”, erinnert sich Erich Knorr. Von da an habe es im Grunde nur noch ein Ziel für ihn gegeben: Am Leben zu bleiben und nach Kriegsende so schnell wie möglich wieder zurück in die Heimat zu gelangen. 
So bescheiden und nahezu unbedeutend seine Verbindungen zu König und den Männern des 20. Juli 1944 letztlich auch waren, Erich Knorr haben sie sein Leben lang nicht losgelassen. Bis in die 1990ern Jahre hinein recherchierte er, um mehr über Karl König, der später Wirtschaftssenator in Westberlin wurde, in Erfahrung zu bringen. Er kontaktierte Zeitzeugen, Wegbegleiter und Verhandlungspartner - von Egon Bahr bis hin zu Alexander Schalck-Golodkowski. 
In der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR indes wollte man von dieser art des Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft lange Zeit kaum etwas wissen. Seine Vergangenheit als 999er-Strafsoldat brachte Erich Knorr von Beginn an Misstrauen ein. Zwar begleitete er bald höhere Ämter, wurde Bürgermeister Claußnitz und Landrat in Rochlitz. Doch galt er den Parteioberen stets auch als potenzieller Abweichler. “Es hieß immer: Dich müssen wir erst einmal überprüfen”, so Knorr. “Aber das ist nie passiert.”
Symptomatisch ein Dokument aus dem Jahre 1956. Es attestiert Erich Knorr, mittlerweile Funktionär der Landwirtschaftsverwaltung, “revisionistische Auffassungen” und “mangelnde Bereitschaft” zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit. “Ich hatte großes Glück, das ich nicht in Bautzen gelandet bin wie Walter Janka oder Erich Loest”, meint Knorr. Immerhin habe er damals in Berlin mit diesen Leuten Bekanntschaft gepflegt. Das allein habe mitunter schon ausgereicht, um für Jahre weggesperrt zu werden. 
Der Gedanke, seine Erinnerungen an die Zeit als Strafsoldat der Wehrmacht zu Papier zu bringen, reifte noch vor dem Ende der DDR, was man dem Buch, dem ein sorgfältigeres Lektorat zu wünschen gewesen wäre, bisweilen auch anmerkt. Damals aber habe sich für seine Geschichte niemand interessiert, so Knorr. “Ich wollte ja auch wahrheitsgemäß schreiben, nicht übertreiben und mich auch nicht zu einem Helden machen, der ich nicht war.” Dass er seine Erinnerungen mit fast 100 Jahren nun doch noch gedruckt und gebunden in den Händen halten darf, bezeichnet er als “Glück des Alters”. Und seufzt: “Ich hatte schon ein verrücktes Leben.”

27. Januar - Internationaler Tag der Erinnerung und Gedenken der Opfer der europaweiten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager

Teil 1

(Das Datum erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945, was das symbolische Ende des Holocausts markiert); Teil 1

1943 befahl der „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler, die jüdischen Ghettos im Baltikum aufzulösen und deren Bewohnerinnen und Bewohner, bei denen es sich zu dieser Zeit ja faktisch bereits um Häftlinge handelte, zu ermorden oder in Konzentrationslager zu verbringen. Alle noch in Ghettos lebenden Juden sollten in Konzentrationslagern „zusammengefasst“ werden, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Diejenigen, die dafür zu alt waren, wurden ausgesondert, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

In Lettland wurden im Zusammenhang mit der Auflösung des Ghettos in Riga im Frühjahr 1943 die Überlebenden des Rigaer Ghettos und der Ghettos von Liepāja, Daugavpils und Vilnus interniert und dafür das Konzentrationslager Kaiserwald (deutscher Name für Mežaparks) gegründet. Es war vom Umfang her recht klein und umfasste nur eine Fläche von 150 Metern mal 225 Metern. Es war jedoch der organisatorische Mittelpunkt der Registrierung und des Arbeitseinsatzes der Juden der Ghettos in Lettland und auch in Litauen – soweit sie den Holocaust bis dahin überlebt hatten. Da die Häftlinge durch Zwangsarbeit ausgebeutet werden sollten, entstanden auch 18 Außenlager zu dem eigentlichen KZ. Dort hielten sich vermutlich zwischen 2.000 und 3.000 Häftlinge beiderlei Geschlechts auf.

Die Mehrzahl der Juden, die im KZ Kaiserwald interniert waren, stammte aus dem Baltikum, aus Polen und aus Ungarn. Sie waren permanenten Misshandlungen ausgesetzt, die nicht nur von den SS-Wachmannschaften, sondern auch von den sogenannten Funktionshäftlingen ausgingen. Dies waren Insassen, denen Privilegien dafür zugestanden wurden, dass sie die Aufsicht über ihre Mithäftlinge führten. Vorwiegend wurden für diese Funktion kriminelle Häftlinge eingesetzt. Im Mai 1944 befanden sich fast 12.000 Häftlinge im KZ Kaiserwald und seinen Außenlagern, dabei handelte es fast ausschließlich um Jüdinnen und Juden.

Das KZ Kaiserwald war zwar kein Vernichtungslager wie beispielsweise Auschwitz, aber es fanden regelmäßig Selektionen statt, denen alle zum Opfer fielen, die zu jung, zu alt oder zu schwach zum Arbeiten waren.

Zu den ersten Insassen des KZ zählten auch einige hundert Sträflinge aus Deutschland. Nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen wurden ungarische Juden nach Kaiserwald verbracht, ebenso eine Anzahl von Juden aus dem Ghetto in Łódź. Im Mai 1944 waren 11.878 Gefangene im Stammlager und seinen Außenlagern registriert, davon 6.182 Männer und 5.696 Frauen. 95 Lagerinsassen galten als „Nichtjuden“.

Im Unterschied zu Auschwitz oder Treblinka war Kaiserwald kein Vernichtungslager. Deutsche Unternehmen, hauptsächlich die AEG, setzten zahlreiche Frauen aus Kaiserwald als Zwangsarbeiterinnen für die Produktion ihrer elektrischen Geräte ein.

Für die Organisation der Zwangsarbeit wurden die KZ-Außenlager in Riga am Balastdamm (18. August 1943 bis 7. August 1944), in den Dünawerken (18. August 1943 bis 1. Juli 1944), im Heereskraftfahrzeugpark (18. August 1943 bis 6. August 1944) und dessen Außenstelle in der Hirtenstraße (31. Januar 1944 bis 6. August 1944) eingerichtet. Weitere ab dem 18. August 1943 eingerichtete Außenlager befanden sich in Riga Lenta, Riga Mühlgraben, Riga Strasdenhof in der Widzemer Chaussee und bei der Rigaer Reichsbahn. In Riga Spilwe wurde ein Außenkommando bereits ab dem 5. Juli 1943 eingesetzt, in Riga Strasdenhof in der Widzemer Chaussee von der AEG bereits ab dem 1. August 1943, ab dem 1. Juni 1944 dann auch in der dortigen Anodenwerkstatt.

Das KZ-Außenlager „Riga Lenta (SD-Werkstätte)“ wurde von Eduard Roschmann geleitet, dem „Schlächter von Riga“, der vorher bereits das Kommando im Ghetto Riga geführt hatte. Nach der Befreiung vom Faschismus deutschen floh er mit Hilfe der italienischen Caritas und eines gefälschten argentinischen Reisepasses über Genua nach Argentinien, eine der sogenannten Rattenlinien. Dort baute er sich eine neue Existenz unter dem Namen Federico Wegener auf.

Wegen des Vorrückens der Roten Armee auf die baltischen Länder wollte das Sonderkommando 1005 unter Walter Helfsgott die Massenmorde für die Endlösung im Raum Riga vertuschen. Zwei jüdische Häftlingsgruppen zu je 30 Mann mussten von Mai bis September 1944 die Massengräber in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki ausheben, die Leichen verbrennen, sowie Asche und Knochen verstreuen. Nachdem diese Arbeit getan war, wurden sie erschossen.

Ende Juni 1944 begann die SS, das Konzentrationslager zu „evakuieren“ und die Gefangenen im September 1944 ins KZ Stutthof im Gau Danzig-Westpreußen zu bringen. Der Täter-Begriff „evakuieren“ beinhaltete Abtransport oder Ermordung an den Häftlingen. Nicht transportfähige Häftlinge wurden erschossen. Insbesondere wurden Juden ermordet, die auch nur im geringsten Maße „straffällig“ geworden waren, oft auch Minderjährige und Menschen über 30 Jahre.

Am 24./25. September 1944 wurden nochmal 3155 Gefangenen nach Danzig verschifft, am 11. Oktober 1944 verließ ein letztes kleines Aufräumkommando das KZ.

Die Rote Armee befreite das Gelände am 13. Oktober 1944.

Quellen/Literatur:

  • Andrej Angrick, Peter Klein: Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941–1944. (Gesamtdarstellung). Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Reihe: Forschung), Darmstadt 2006
  • Franziska Jahn: Riga-Kaiserwald – Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel(Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8: Riga, Warschau, Vaivara, Kaunas, Płaszów, Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka. C.H. Beck, München 2008
  • Franziska Jahn: Das KZ Riga-Kaiserwald und seine Außenlager 1943–1944. Strukturen und Entwicklungen. Metropol, Berlin 2018
  • Bernhard Press: Judenmord in Lettland 1941–1945. 2., veränderte Auflage. Metropol, Berlin 1995

 

27. Januar - Internationaler Tag der Erinnerung und Gedenken der Opfer der europaweiten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager

Teil 2

(Das Datum erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945, was das symbolische Ende des Holocausts markiert); 

In Litauen wurde das KZ Kauen aus dem Ghetto Kauen in der zweitgrößten Stadt Kaunas (jiddisch קאָוונע Kovne, russisch Ковно Kowno), im Stadtteil Vilijampolė, gebildet. Nachdem die Wehrmacht im Juni 1941 Litauen besetzt hatte, errichteten die deutschen Faschisten nach einer ersten Mordserie im Sommer 1941 das Ghetto Kauen zur Zwangsumsiedlung der noch überlebenden 30.000 Juden. Die SS wandelte es im August 1943 in das KZ Kauen um, mit zunächst noch 17.000 Juden. Es hatte 17 KZ-Außenlager. Ab 8. Juli 1944 wurde das KZ Kauen vor der näher rückenden Roten Armee geräumt. Diese traf am 1. August ein und fand noch 90 überlebende Juden vor.

Vom 24. Juni 1941 bis 1944 besetzte die faschistische Wehrmacht Kauen( Kaunas), das als Verwaltungseinheit unter dem „Reichskommissariat Ostland“ als Teil des Großdeutschen Reiches geführt wurde. Dieses umfasste die früheren baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland sowie den größten Teil des westlichen Belarus. Reichskommissar mit Sitz in Kauen und später in Riga war Hinrich Lohse.

Schon im Juni 1941 kam es zu von den deutschen Besatzungsbehörden unterstützten Pogromen, bei denen Tausende von Juden auf offener Straße erschlagen und später erschossen wurden. Dies geschah zum großen Teil durch Freiwillige der Litauischen Aktivistenfront. Es wird geschätzt, dass bereits bis Juli rund 10.000 Menschen ermordet wurden. Nach dem so genannten Jäger-Bericht vom Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Kaunas, Karl Jäger, der eine akribische Aufstellung aller von Juli bis November 1941 ermordeten Juden, Kommunisten und politischen Kommissare in Litauen und Belarus erstellte, wurden in dieser Zeit allein aus dem Ghetto Kauen weitere 15.000 Menschen ermordet. 

Bis zum 15. August 1941 wurden die 30.000 Juden in Kauen, die die erste Mordwelle überlebten, gezwungen, in das Ghetto Kauen, offiziell deutscher Sprachgebrauch "Jüdischer Wohnbezirk", zu ziehen.  Es war von einem Stacheldrahtzaun und litauischen Wachposten umgeben, die Tore wurden zusätzlich von deutschen Polizisten bewacht. Bis Ende Oktober 1941 wurden etwa 13.000 Ghettobewohner ausgesondert und im Fort IX erschossen. Ende März 1943 lebten noch etwa 16.000 Juden im Ghetto.

„Reichsführer SS“ Himmer befahl am 21. Juni 1943, das Ghetto Kauen in ein Konzentrationslager umzuwandeln. Sein Ziel war, der SS die Kontrolle über das Ghetto und den Arbeitseinsatz zu übergeben. Im August 1943 baute die SS den nordöstlichen Teil des Ghettos, das „große“ Ghetto, in das Konzentrationslager Kauen um („KL Kauen“), das „kleine“ Ghetto wurde nicht mehr benötigt. Am 15. September wurde die Verwaltung des Ghettos von der deutschen Zivilverwaltung offiziell an die SS übergeben. Die Bewachung des nun in ein Konzentrationslager umgewandelten Ghettos übernahm ab Herbst 1943 eine überwiegend aus Banatdeutschen bestehende Kompanie der Waffen-SS.

Im zweiten Halbjahr 1943 wurden acht KZ-Außenlager errichtet, um die Inhaftierten für Rüstungszwecke und auf Torffeldern Zwangsarbeit verrichten zu lassen. Krankheiten wie Typhus waren in diesen Lagern verbreitet, verursacht durch die beengten Lebensverhältnisse, mangelhafte Ernährung und Folgen der völligen Erschöpfung. Auch dort gab es Selektionen, willkürliche Erschießungen, Totschlag sowie körperliche Misshandlungen mit Lederpeitschen, Stahlstangen, Knüppeln und Äxten.

Ende 1943 mussten 60 KZ-Häftlinge im Fort IX drei Monate lang die bestatteten Leichen der Massenmorde wieder ausgraben und verbrennen. Nach ihrer Flucht Weihnachten 1943 berichteten sie den Häftlingen im KZ Kauen von 15 Massengräbern mit etwa 45.000 Opfern.

Bei der „Kinder- und Alten-Aktion“ am 27. und 28. März 1944 transportierten die deutsche SS und Ukrainer der Wlassow-Armee insgesamt 1000 Kinder und 300 alte Menschen wohl nach Auschwitz oder Majdanek. 

Als die Rote Armee am 1. August in Kaunas eintraf, fand sie in den Trümmern des ehemaligen Ghettos und Konzentrationslagers nur noch 90 Juden lebend vor.

In Erinnerung an das Ghetto Kauen befindet sich ein schlichter Gedenkstein am früheren Süd-Eingang an der A. Kriščiukaičio gatvė in Kaunas. 

Ab 1958 wurde im Fort IX in Kauen ein Museum eingerichtet und am 30. Mai 1959 eröffnet. Die Erforschung der Massengräber begann 1960.

Als Mahnmal für die Opfer des Holocaust wurde eine vom Bildhauer Alfonsas Vincentas Ambraziūnas konzipierte 32 Meter hohe Skulptur errichtet. Diese wurde im Rahmen des Gedenkkomplexes des Forts IX zusammen mit dem Museum am 15. Juni 1984 der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese Gedenkstätte wurde zu einer der größten Europas.

Quellen/Literatur:

  1.  
    1. Trudi Birger, Jeffrey M. Green: Im Angesicht des Feuers: wie ich der Hölle des Konzentrationslagers entkam. Übs. von Christian Spiel. Piper-Verlag, München / Zürich 1990
    2. Zev Birger: Keine Zeit für Geduld. Mein Weg von Kaunas nach Jerusalem. Prospero Verlag, Münster / Berlin 2010 (Lebensweg des Zev Birger, der das Ghetto Kaunas als einziger seiner Familie überlebte)
    3. Solly Ganor: Das andere Leben. Kindheit im Holocaust. Übs. von Sabine Zaplin. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1997
    4. Leib Garfunkel: Kovna ha-Yehudit be-Hurbana (deutsch etwa: die Zerstörung des jüdischen Kovno), Jerusalem 1959
    5. Raya Kruk: Lautlose Schreie. Berichte aus dunklen Zeiten. herausgegeben und mit einem Vorwort von A. H. Johansen, Fotos von Zwi Kadushin. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1999
    6. Riga-Kaiserwald, Warschau, Vaivara, Kauen (Kaunas), Płaszów, Kulmhof. Barbara Distel(Hrsg.): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8. C. H. Beck, München
    7. Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. 2 Bände. Göttingen : Wallstein, 2011
    8. Joachim Tauber: Arbeit als Hoffnung: Jüdische Ghettos in Litauen 1941–1944, Berlin: De Gruyter, 2015
    9. vor 2000

27. Januar - Internationaler Tag der Erinnerung und Gedenken der Opfer der europaweiten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager

Teil 3

Estland war seit 1941 von deutschen Truppen besetzt. Der Reichsführer SS Himmler ordnete am 21. Juni 1943 an, die verbliebenen Ghettos im Baltikum aufzulösen. Ein Großteil der arbeitsfähigen Juden sollte zur Ölschieferproduktion für die „Baltische Öl Gesellschaft m.b.H.“(Baltöl) eingesetzt werden, welche Anlagen der britischen New Consolida ed Gold Fields Ltd. in Kohtla übernommen hatte.

Das KZ Vaivara wurde am 19. September 1943 als Aufnahme- und Durchgangslager eröffnet. Lagerkommandant war über die gesamte Zeit des Bestehens des Konzentrationslagers Vaivara Hans Aumeier und Verwaltungsführer war Otto Brenneis. Diesem Konzentrationslager waren zeitweilig 27 Nebenlager unterstellt, darunter das KZ-Außenlager Klooga. Mehrere dieser Außenlager, intern als „Arbeitslager“ bezeichnet, waren gleich groß oder sogar größer als das Stammlager Vaivara. 

Insgesamt durchliefen über 20.000 Gefangene das Stammlager. Die meisten von ihnen wurden aus den Ghettos Vilnius und Kaunas dorthin verlegt, in vielen Fällen waren es ganze Familien und kleinere Gruppen deutscher und tschechischer Juden, die über Terezin nach Estland gebracht wurden; auch aus Riga und Ungarn trafen einzelne Gruppen ein. Im November 1944 wurde mit über 9200 Personen die Höchstzahl von Häftlingen für das gesamte Vaivara-Lagersystem registriert. 

Obwohl die Ausbeutung der Häftlinge, nicht aber die Tötung arbeitsfähiger Juden das Ziel war, kam durch unzureichende Ernährung bei elfstündiger Schwerarbeit, mangelhafte Hygiene und schlechte ärztliche Versorgung zwischen Oktober 1943 bis Juni 1944 im gesamten Vaivara-Lagerkomplex ein Sechstel der Lagerinsassen zu Tode. Kinder und Arbeitsunfähige wurden in besonderen Lagerteilen von Vaivara(später in Ereda) zusammengefasst. Im Februar 1944 wurden von dort rund 1100 arbeitsunfähige Personen, unter ihnen 184 Kinder, ins KZ Riga-Kaiserwald oder ins KZ Auschwitz geschickt; eine weitere Gruppe von 500 Häftlingen wurde im April 1944 von Ereda aus deportiert.

Im Oktober 1943 wurden schon elf Außenlager von Vaivara aus verwaltet, später waren es 21. Teilweise sind aus den Akten weitere Produktionsstätten der „Baltöl“ sowie der Organisation Todt(OT) bekannt, in denen Zwangsarbeiter eingesetzt waren, ohne dass jedoch an diesem Orte ein Nebenlager von Vaivara nachweisbar ist. Sicher mussten die dort eingesetzten Zwangsarbeiter täglich mehrstündige Anmarschwege zurücklegen.

Als Arbeitslager des KZ Vaivara werden genannt: Aseri, Auvere, Erides, Kohtla-Goldfields, Jewe, Kerestowo, Kiviõli, Klooga, Kunda, Kuremaa, Lagedi, Lodensee, Narwa-Hungerburg, Narwa, Putki, Reval, Sonda, Soski, Ülenurme und Wiwikond. 

Einige dieser Lager dienten nicht der Ölschiefergewinnung. In Klooga wurden Seeminen mit Betonmantel hergestellt, Häftlinge im Lager Narva bauten Befestigungsstellungen, Zwangsarbeiter einiger kleiner Lager führten Gleisbau- und Waldarbeiten aus.

Bei der Baltöl und den Ölschiefergewinnungsbetrieben der OT machten jedoch die jüdischen Zwangsarbeiter nur einen Anteil von unter 20 Prozent der Beschäftigten aus. Den Hauptteil der Arbeiter stellten sowjetische Kriegsgefangene, Umsiedler aus Russland sowie Zwangs- und Zivilarbeiter aus einer Reihe von anderen Ländern, darunter Frankreich und Holland. 

Der Großteil der Gefangenen des Konzentrationslagers Vaivara wurden beim Herannahen der Roten Armee zu Beginn des Kampfes um Narva am 4. Februar 1944 „evakuiert“. Der Fußmarsch nach Kohtla-Goldfields dauerte drei Tage; 44 Tote gab es bei diesem Todesmarsch. Bevor die Außenlager geräumt wurden, wurden nach einer Selektion im Juli 1944 etwa zehn Prozent der Häftlinge erschossen. Ein Teil der Häftlinge wurde später auf Schiffe verladen und in das KZ Stutthof und weiter nach Natzweiler verbracht.

Die in Vaivara verbliebenen Häftlinge wurden am 28. Juni 1944 durch die Rote Armee befreit. Die Zwangsarbeiter in den Lagern Lagedi und Klooga wurden im September 1944 von Erschießungskommandos der Waffen-SS und der Sicherheitspolizei umgebracht.

Konzentrationslager wie Klooga und Ereda wurden in der Nachkriegszeit Stätten, in denen der Opfer gedacht, zugleich auch die Befreiung durch sowjetische Truppen gefeiert wurde.

1967 ließen die örtlichen sowjetischen Behörden durch den estnischen Architekten Peeter Somelar ein Denkmal für die »Opfer des Faschismus« in Ereda errichten. Die russische und estnische Inschrift lautet: »Keiner ist vergessen. Nichts ist vergessen! Hier wurden in den Jahren 1943-1944 mehr als 2.000 Opfer des Faschismus hingerichtet, verbrannt und begraben. Ihre edlen Namen können wir an dieser Stelle nicht aufzählen: Zu viele befinden sich unter der ewigen Wacht des Granits. Aber keiner von ihnen und nichts wird vergessen werden«.

Im unabhängigen Estland kam es darüber zu einer Kontroverse. Auf Initiative einer amerikanischen Organisation wurden Gedenksteine ausschließlich für jüdische Opfer gesetzt.

Quellen/Literatur:

Ruth Bettina Birn: Vaivara-Stammlager / Außenlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel(Hrsg.):Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8: Riga, Warschau, Vaivara, Kaunas, Płaszów, Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka. C.H. Beck, München 2008

 „Über den Stand bisheriger Auf- und Ausbauarbeiten der Baltischen Öl GmbH“ berichtet Oeckl Albert am 17. Januar 1944 an den Nazi-Ökonom und Europa-Strategen Gustav Schlotterer, in: Leben und berufliche Tätigkeit Albert Oeckls bis 1945, VS Verlag 2006

 

Ruth Bettina Birn: Vaivara-Stammlager. Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 8, München 2008

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Kinderdenkmal in Lidicé braucht unsere Unterstützung

Tschechoslowakische Widerstandskämpfer verübten am 27. Mai 1942 ein erfolgreiches Attentat auf Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes. Die faschistischen Besatzer reagierten mit massiven Vergeltungsmaßnahmen.

Am Abend des 9. Juni 1942 umstellten deutsche Polizeikräfte den Ort. Alle 172 Männer, die älter als 15 Jahre waren, wurden am Morgen des 10. Juni erschossen, 195 Frauen wurden, nachdem sie in einer Turnhalle in Kladno von den Kindern getrennt worden waren, in das KZ Ravensbrück deportiert, wo 52 von ihnen ermordet wurden. Sechs Schwangere wurden nach Prag gebracht, nach der Entbindung von ihren Neugeborenen getrennt und ebenfalls ins KZ Ravensbrück deportiert. Lidice wurde in Brand gesteckt, gesprengt und dann eingeebnet.

Nach der Trennung von ihren Müttern wurden die Kinder in ein Lager nach Litzmannstadt verbracht.  82 Kinder wurden vergast sowie sieben zwecks Germanisierung in ein Lebensborn-Heim gesteckt.

Zur Erinnerung und Mahnung wurde eine Bronzegruppe mit den Abbildern der 82 Kinder von der Bildhauerin Marie Uchytilová geschaffen.

Für den Erhalt und einer notwendigen Restaurierung  des Denkmals werden Spenden eingeworben.

Post aus Lidice(Auszug): 

Wir freuen uns stets über Unterstützung und sind sehr dankbar, wenn Sie unser Vorhaben, das Kinderdenkmal zu restaurieren finanziell unterstützen. Wir haben auch einen Bankaccount bei der Česká národní banka, wo Gelder auch in Euro überwiesen werden können:

Pamatnik Lidice

IBAN: CZ96 0710 0000 0000 0133 4141

BIC: CNBACZPP

Kinderdenkmal

Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen und nochmals vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Mit herzlichen Grüßen

Eduard Stehlík

PhDr. Eduard Stehlík, Ph.D., MBA

Holocaust - Nie wieder ist jetzt

Eine Statistik des Grauens

Juden werden wieder ausgegrenzt

Der Kulturbetrieb in Deutschland 2026 - Nie wieder ist jetzt!

von Sarah Maria Sander

Der Iran steht auf gegen den islamischen Faschismus

Tag 33. der Iranischen Revolution

mit Goldie Ghamari, Armin Navabi und Mahyar Tousi

Chemnitzer Friedenstag 2026

Unsere Termine

Das Recht, in Frieden zu leben

07.02.2026 19:00 - 07.03.2026 21:00

Sa., 7. Februar 2026, 19 Uhr Neue Sächsische Galerie (TIETZ, Moritzstr. 20, 09111 Chemnitz) Das Recht, in Frieden zu leben KONZERT zur Erinnerung an Víctor Jara und [...]

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CANTO GENERAL - DER GROSSE GESANG

23.02.2026 19:00 - 21:00

Mo., 23. Februar 2026, 20.00 Uhr Theater Chemnitz, Spinnbau, Ostflügel Altchemnitzer Str. 27, 09120 Chemnitz CANTO GENERAL - DER GROSSE GESANG

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Auf den Spuren des Todesmarsches - Belower Wald

Die Webmaster Kolumne

Der Kampf gegen den Islamofaschismus

Liebe Kameraden und Kameradinnen,

wir leben in unruhigen und historischen Zeiten. Wir als VVN BdA Chemnitz und der VVN BdA haben dabei auch eine besondere Verpflichtung im Kampf gegen den weltweiten Faschismus. Diese Verpflichtung möchte ich mit unserer Website nachkommen. Einerseits werde ich täglich unsere Helden des Widerstandes würdigen. Andererseits werde ich in diesen Zeiten auf den Islamischen Faschismus, die Muslim Brotherhood und ihre Helfershelfer in den Staaten der westlichen Welt hinweisen und hinter die Kulissen schauen. Deshalb möchte ich Euch über die im Iran stattfindende Revolution und den Islamischen Faschismus insbesondere die Hamas informieren. Deshalb habe ich die Videos von Iranern im Ausland und auch einen Verweis auf das größte Verbrechen seit dem Holocaust an den Juden und dem jüdischen Staat- Israel - online gestellt. Diese Bilder zeigen den Islamischen Faschismus in ihrer menschenverachtendes Form seit dem Holocaust. Ich habe mich in den letzten Jahren besonders mit diesem Ereignis befasst, da mir am 8. Oktober 2023 von sog. Linken, Marx21, AGR und den Trotzkisten, mitgeteilt wurde, die Juden seien doch selber Schuld seit dem Theodor Herzl in seiner Niederschrift “Der Judenstaat” einen eigenen Staat für die Juden gefordert hat. 

Ich freue mich auf Eure Beiträge und die Diskussion in unserem zukünftigen Blog, 

(A.K.)

 

"Die USA wollen nur Öl", sagen sie...

Venezuela verfügt über die größten festgestellten Ölsreserven der Welt. Wenn Öl das Problem wäre, sollte das Land reich sein. Stattdessen brach die Produktion zusammen, die Infrastruktur verfaulte und die Nation implodierte. 

In den letzten 25 Jahren haben China, Russland, der Iran und Kuba - nicht die USA - Venezuelas Öl, durch Schulden-für-Ölgeschäfte erhalten, Vermögenswerte beschlagnahmt und ein autoritäres Regime unterstützt. Allein China hat Venezuela mit zig Milliarden durch Öl abgesicherte Kredite abgeschöpft, die den Venezolanern wenig bis gar keine echten Einnahmen brachten. Russland und der Iran hielten das Regime über Wasser. Kuba hat  Sicherheits- und Geheimdienste im Austausch für subventioniertes Öl bereitgestellt. 
Vor Chavez und Maduro verkaufte Venezuela den größten Teil seines Öls an die Vereinigten Staaten - das Land war viel stabiler und wohlhabender. Der Zusammenbruch begann Jahre vor US-Ölsanktionen, die verhängt wurden, nachdem die einheimische Erdölindustrie (PDVSA) verstaatlicht, Wahlen gefälscht und die Zivilgesellschaft  zerschlagen wurde.  

Das war kein “Anti-Imperialismus”. Es war eine autoritäre Entnahme. 
Mehr als 8 Millionen Venezolaner waren gezwungen, aus ihrem Land zu fliehen. 
Der Ölreichtum ist nicht verschwunden- er wurde von Regimen und ausländischen Gönnern ausgenutzt. 

Anti-amerikanische Parolen sind einfach. Fakten sind schwieriger. 

Quelle: Instagram thatlatinzionist

https://www.reuters.com/business/energy/venezuelan-oil-industry-worlds-largest-reserves-decaying-infrastructure-2026-01-03/

www.eia.gov/international/content/analysis/countries_long/Venezuela/

www.eia.gov/international/content/analysis/countries_long/Venezuela/pdf/venezuela_2024.pdf

www.cfr.org/backgrounder/venezuela-crisis

www.congress.gov/crs-products/product/pdf/R/R44841

www.reuters.com/world/americas/venezuelas-oil-output-collapses-years-mismanagement-2023-11-15/

www.unhcr.org/venezuela-emergency.html

www.iom.int/venezuela-migration

Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis

Gedenkstätte Konzentrationslager Sachsenburg

Buchankündigung: Wie Lämmer zur Schlachtbank?

Am nachfolgend vorgestellten Buch arbeiteten auch Mitglieder unseres Vereines mit. Wir möchten es an dieser Stelle gerne mittels der Verlagsankündigung vorstellen:

Bertram Seidel, Gabriele Seidel, Enrico Hilbert (Hrsg.)
Wie Lämmer zur Schlachtbank?
Jüdischer Widerstand und Verweigerung aus der jüdischen Bevölkerung in Sachsen gegen da NS-Regime 1933-1945

Das Buch erhebt hinsichtlich der erörterten Thematik weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf theoretischen Tiefgang. Ihr Hauptanliegen besteht vielmehr darin, anhand des Verhaltens konkreter Personen einen Eindruck vom Ausmaß resistenten Handelns aus der jüdischen Bevölkerung eines räumlich klar definierten Territoriums des Deutschen Reiches gegen das Herrschaftssystem der Nazis zu vermitteln und damit der in verschiedenen Milieus noch immer stark verbreiteten Pauschalansicht, die Juden hätten sich nich gegen das Hitlerregime und damit gegen ihr Verderben gewehrt, handfeste Tatsachen entgegenzusetzen. Bekanntlich wurde dieser Aspekt der Holocaust-Gesamtthematik zumindest im deutschsprachigen Raum über lange Zeit sehr stiefmütterlich behandelt und darüber hinaus von einigen Historikern wie beispielsweise Raul Hilberg in seiner 1992 erschienenen Publikation „Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933 bis 1945“ in der Vergangenheit auch verzerrt dargestellt.

Interessierte können das Buch direkt beim Verlag bestellen. >>> https://www.edition-av.de/

NS-Terror und Verfolgung in Sachsen

Dr. Hans Brenner und seine 50 Mitstreiter haben ein umfangreiches Werk über die Anfänge der Konzentrationslager in Sachsen vorgelegt.

Die Neuerscheinung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung wirft ein neues Licht auf die Zeit der Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 in Sachsen. Zu den Themen zählen das System der Frühen Konzentrationslager von 1933 bis 1937 (mit mindestens 80 sächsischen Städten und Gemeinden), die politischen Prozesse gegen Gegner des NS-Systems, Opferschicksale aus den verschiedenen Verfolgten-Gruppen und die als Todesmärsche bezeichneten Evakuierungsmärsche aus Konzentrationslagern und deren Außenlagern ab Herbst/Winter 1944 über sächsisches Territorium. 

Mit einem umfangreichen Datenanhang und vier thematischen Karten liefert das Buch neuestes Forschungsmaterial für die sächsische Heimat- und Landesgeschichte.

Brenner, Hans / Heidrich, Wolfgang / Müller, KlausDieter / Wendler, Dietmar (Hrsg.) NS-Terror und Verfolgung in Sachsen.
Von den Frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 2018, 624 S

Von Leipzig über Waldheim nach Buchenwald vom Anarchosyndikalisten zum Kommunisten

Erinnerungnen von Richard Thiede (1906 - 1990) Herausgegeben von Gert Thiede 

Zu diesem Bericht Im Januar 1984, mit bereits 78 Jahren, hat mein Vater versucht, sein persönliches Leben schriftlich festzuhalten.
Sein Ziel war es, die Erinnerungen einmal in einer Schrift zusammenzufassen und der Öffentlichkeit oder einem Museum zur Verfügung zu stellen. Dabei kam es ihm vor allem darauf an, die in Zeiten politischer Engstirnigkeit mancher Funktionäre, ihre abwertende und abweisende Einschätzung zum Wirken der Freien-Arbeiterunion-Deutschlands (FAUD) in der Betrachtung der Arbeiterbewegung richtig zu stellen. ....