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Mitte April 1944 hatte mich Karl König darüber informiert, dass Adolf Hitler demnächst durch ein Attentat beseitigt werden würde. Hinter dem Attentat stünden Leute der
Sozialdemokratie, seine unmittelbaren Verbindungsleute und hohe Militärs. Einmal hatte er selber Kontakt mit Generalen der Wehrmacht. Der Auftrag, den er übernommen hatte: Bildung einer Gruppe aus "Politischen" 999ern, die am Tag des Attentats nach Berlin fliegen sollten, um dem Umsturz zur Verfügung zu stehen. Unsere Gruppe bestand später aus Karl König und mir, sowie aus potentiellen Angehörigen der Gruppe, die nach erfolgtem Attentat informiert und einbezogen worden wären. Über diese künftigen Mitkämpfer verständigten wir uns ständig. Wäre unsere Gruppe nach erfolgreichem Attentat aktiv geworden, so hätte sie sich nach meiner Einschätzung sowohl aus kommunistischen Strafsoldaten als auch einigen Unteroffizieren zusammengesetzt.
An den sofort nach dem 20. Juli unter uns 999ern einsetzenden Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Bedeutung des Attentats und seine Protagonisten war ich unmittelbar beteiligt. Lorenz Schneiders Einschätzungen zu diesen Fragen geäußert in Leontina in vorderster Linie beinhalteten bereits all jene Thesen, Behauptungen oder auch Verdächtigungen, die von kommunistischen Politikern, Historikern, Publizisten bis zum Ende der 70er Jahre vorgebracht wurden. Damals unmittelbar nach dem 20. Juli hatte ich Lorenz Schneider entschieden widersprochen, während Karl König fast unbeteiligt unsere Debatte verfolgt hatte. An meiner Einstellung zum 20. Juli 1944 änderte sich auch nichts unter den Bedingungen der unmittelbaren Konfrontation mit dieser Problematik etwa in den Geschichtsseminaren an der Parteihochschule "Karl Marx". In den Diskussionen dieses und anderer heikler Themen der Geschichte hielt ich mich zurück, was mir in den obligatorischen Beurteilungen zwar kritisch angekreidet wurde, sonst aber folgenlos blieb. Ich hielt mich also aus guten oder schlechten Gründen in den Diskussionen zurück, war jedoch innerlich an dieser Problematik ganz unmittelbar und höchst leidenschaftlich beteiligt.
Für meine innere Teilnahme an den Auseinandersetzungen um die Bewertung des 20.Juli 1944 gab es Gründe: War ich nicht an der alleräußersten Peripherie dieser Bewegung des 20. Juli beteiligt? Julius Leber hatte mit Zustimmung von Oberst Stauffenberg in Berlin die Verbindung zu Gruppen des kommunistischen Widerstands hergestellt. Auch Karl König hatte damals in Przmysl nicht gezögert mich, einen deutschen Kommunisten einzubeziehen, hatte mich in die Pläne eingeweiht. Meine Erinnerungen, der Verstand wie das Gefühl, bestärkten mich in meiner Bewertung des 20. Juli 1944 als eines der großen Ereignisse im Kontext der deutschen Geschichte des 2. Weltkriegs, wie auch der Geschichte des antifaschistischen Kampfes 1933 - 1945. Ich war in der DDR nie einverstanden mit der Eliminierung des 20. Juli aus der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes und der Diffamierung als reaktionäre antisowjetische Verschwörung. Zur Politik der DDR gehörte die Instrumentalisierung der Geschichte mit Resultaten, die ich in Bezug auf den 20. Juli nur als infam empfinden konnte.
In den 80er Jahren und dann, mit voller Wucht in den 90er Jahren, wurde mir jedoch bewusst, dass es auch in der BRD Instrumentalisierung der Geschichte gab. So konnte ich mich nicht einverstanden erklären, wenn der 20. Juli 1944 zum "Höhepunkt und Endpunkt einer Entwicklung” erklärt wurde, “die seit 1933 Männer und Frauen aus unterschiedlichen politischen Richtungen im Kampf gegen die Herrschaft des Verbrechens zusammengeführt hatten". Ich war nicht einverstanden mit Gräfin Dönhoff, die den 20. Juli zum Aufstand einer "Elite" überhöhte, natürlich der preußischen, der sie selber entstammte, im Gegensatz zum Widerstand der "gesichtslosen Masse". Ich fand mich im März 1933 im Gefängnis mit Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern wieder, nicht mit Adligen oder mit Offizieren der Reichswehr. So war das in allen Gefängnissen und Zuchthäusern Deutschlands. Es waren die Proletarier, die einst der Roten Fahne gefolgt waren, die den Widerstand von der ersten Stunde an organisierten und die in diesem Kampf große Opfer gebracht hatten. Ich war immer ein Mann des kommunistischen Widerstands. Mit meinen Positionen zum 20. Juli 1944 stand ich bei aller Subjektivität als kommunistischer Widerstandskämpfer zwischen den beiden Lagern, zwischen Baum und Borke in der so langen Zeit des „Kalten Krieges”.
Ich habe viel über den Widerstand der Jahre 1933-1945 nachgedacht und es gibt von mir keinen Einspruch, wenn die Attentäter um Stauffenberg als Ehrenretter der deutschen Nation gefeiert werden. Zwischen Stauffenberg und den Seinen und meinen Genossen und Kameraden, die ihr Leben im Kampf gaben, verläuft für mich jedoch keine Kluft.
Und sie haben Gesichter meine Kameraden von 999, die auf der Stettener Höhe im Feuer der Mörder zusammengesunken waren, meine Kameraden, die auf dem Peloponnes und anderswo ermordet wurden. Friedrich Marschner, der in Teruel auf spanischer Erde fiel, Albert Hößler, Funker der “Roten Kapelle”, erschlagen von der Gestapo. Von Helden, die mit dem Leben davongekommen sind, will ich nichts hören. Nichts von Siegern der Geschichte.
Es konnte gar nicht anders sein, ich las alles, was in Zeitungen, Zeitschriften zum Teil auch in Büchern zum 20. Juli veröffentlicht wurde. Ich las auch schon 1994 das Buch von Kurt Finker: "20. Juli 1944 - 20. Juli 1994". Ich entschloss mich zu einem Brief, in dem ich Kurt Finker über die „Gruppe König” aus dem Jahre 1944 informierte. Mein Vorschlag, die Gruppe König als Fußnote in einer Neuauflage seines Buches aufzunehmen.
Kurt Finker antwortete sofort zustimmend, dabei blieb es. Meinem Versuch, eine Fußnote zur Geschichte des antifaschistischen Kampfes anzubringen, war kein Erfolg beschieden – damit kann und muss ich leben.
Trotz dieser Erfahrung schreibe ich in diesem Nachtrag an einer weiteren Fußnote der Geschichte des antifaschistischen Kampfes, die ebenfalls kaum Aussicht hat von Historikern beachtet zu werden. Denn es gab nicht nur den 20. Juli 1944, es gab auch den 20. Juli des Jahres 1932 und – Duplizität der Ereignisse – ich nehme für mich wiederum in Anspruch, dabei gewesen zu sein und wiederum ganz am Rande, an der äußersten Peripherie.
Der 20. Juli 1932 ist in die Geschichte eingegangen als der Tag des Preußenputschs, der Kamarilla des erzreaktionären Herrenreiters Papen. Ich glaube, die Historiker mutmaßen zu Recht, dass es sich bei diesem 20. Juli um den Tag handelte, an dem die organisierten deutschen Arbeiter gemeinsam mit den Polizeikräften des Landes Preußen, die Machterschleichung der deutschen Faschisten noch hätten verhindern können.
Für mich selbst wurde dieser Tag zu einem bedeutsamen Tag.
Wenige Tage vorher war ich aus dem Gefängnis gekommen, wo ich drei Wochen in Einzelhaft gesessen hatte. Erstmalig Gefängnis, Einzelhaft. Die Strafe hatte sich ergeben aus einem Vorgang, der damals unter "Erwerbslosenunruhen" vermerkt wurde. Im April 1933 hatte die bürgerliche Schieckregierung in Sachsen die Sätze für die Arbeitslosen und die Fürsorgeempfänger heruntergesetzt, meinen eigenen Satz von 4,50 RM auf 4,00 RM. Eine Woche lang waren wir auf den Beinen gewesen, Tag und Nacht. Aus Chemnitz waren die großen und die kleinen Flitzer der Sipo durch unsere Dörfer gerollt. Wir hatten einen riesengroßen Erfolg errungen. Auch in meiner Gemeinde Claußnitz hatte der Bürgermeister die Herabsetzung der Sätze zurückgenommen und die vollen Sätze waren wieder zur Auszahlung gekommen. Es gab keinen Zweifel, die KPD war eine Macht in unserem Territorium. Die Masse der Arbeitslosen folgte unseren Losungen. Weggewischt mit dieser erfolgreichen Aktion die Niederlage beim zweiten Durchgang der Reichspräsidentenwahlen. Wir waren wieder auf dem Vormarsch.
Etwa zu dieser Zeit war mir vorgeschlagen worden von der Jugendverbandsarbeit zur Parteiarbeit überzugehen. Ich war im Begriff als Instrukteur der neu gebildeten Unterbezirksleitung der KPD Limbach das Arbeitsgebiet, mit den Gemeinden Taura, Markersdorf, Claußnitz, Röllingshain, Diethensdorf samt den Betrieben zu übernehmen.
An diesem 20. Juli 1932 fand in unserem Arbeiterheim eine Diskussionsveranstaltung statt, zu der die wenigen Anhänger der Sozialistischen Arbeiterpartei unserer Gemeinde eingeladen hatten. Über das Radio war die Meldung von Ereignissen in Berlin gekommen und so wurde aus einem kleinen Zirkel von Diskutierenden an diesem Abend eine Arbeiterversammlung meiner Heimatgemeinde. Das Arbeiterheim erlebte eine stürmische Debatte von Kommunisten, Sozialdemokraten, Reichsbannerleuten und kommunistischen Kampfbündlern. Maßlose Enttäuschung und Wut waren laut geworden, Entschlossenheit zum Kampf und Ratlosigkeit, vor allem aber die Entschlossenheit etwas zu tun. Ich war es dann, der vorgeschlagen hatte, am nächsten Tag mit einer Demonstration, einem Marsch, den Willen der Arbeiter zum gemeinsamen Handeln zu bekunden. Die Demonstration fand am nächsten Tag in Claußnitz statt. An der Spitze waren Reichsbanner und kommunistische Wehrorganisationen als geschlossene Einheit marschiert. "Freiheit" und "Rot Front" Rufe waren erklungen. Es war die machtvollste Demonstration der Arbeiter, die in dieser Arbeitergemeinde jemals durchgeführt worden war. Aber es war die einzige Demonstration dieser Art, in jenen Tagen im Burgstädter Industriegebiet, dem Freistaat Sachsen, vielleicht im ganzen Reichsgebiet. Wenn es bei den Claußnitzer Sozialdemokraten und Kommunisten die Hoffnung gegeben hatte, in Chemnitz, Hamburg, Berlin würden die Arbeiter ebenfalls auf die Straße gehen zur Verteidigung der Preußenregierung zur Verteidigung der Demokratie oder auch der Republik, so hatte sich diese Hoffnung als Illusion erwiesen.
Über die Demonstration der Claußnitzer Arbeiter liegen zwei Dokumente vor mir. Ein Foto der Demonstration, dazu der Entwurf eines Flugblatts, von mir selbst entworfen als Antwort auf ein Flugblatt, das von der SPD nach der Demonstration verteilt worden war. Kein Zeitungsartikel existiert, weil in keiner Zeitung das Ereignis kommentiert worden war, kein Forschungsbericht aus SED - und DDR – Zeiten. Fakt war und blieb es, diese Demonstration war ein so einmaliges Ereignis, dass sie eigentlich überhaupt nicht stattgefunden haben konnte, nicht Wert in einer Geschichte über jene Zeit festgehalten zu werden, lediglich von einiger Bedeutung als eine weitere Fußnote meiner Niederschrift nach siebzig Jahren.
Vor der Partei trug ich - ein noch nicht zwanzigjähriger Kommunist - die Verantwortung für die Claußnitzer Demonstration. Ja, die Verantwortung. Mit unserer Demonstration hatten wir uns nicht auf der Linie, der Generallinie der Partei bewegt, waren vom Kurs der Partei abgekommen. Es gab Verhandlungen auf deren Höhepunkt Kurt Sindermann, der Pol - Leiter der KP Chemnitz, unsere oder auch meine Verfehlungen auf den Punkt brachte. Wir hatten in Claußnitz eine schöne, oder auch wunderschöne Demonstration veranstaltet, aber in Wirklichkeit hatten wir damit gegen den Kurs der Partei verstoßen, der verlangte, den Hauptstoß gegen die Sozialdemokratie zu richten.
Kurt Sindermann verkörperte für mich damals die Partei. Nach meinem Übertritt zu den Kommunisten war ich mit ihm in einigen Versammlungen gewesen, in denen er die Referate hielt und ich als ehemaliger SAJler gesprochen hatte. In meinen Augen war er ein großer Redner, er hatte in Moskau studiert, eine Autorität der kommunistischen Bewegung. Neben Kurt Sindermann war da noch Albert Hößler, Vertreter der Partei und ihrer Generallinie, ein ebenso unversöhnlicher Verfechter dieser Generallinie. Mit Albert war ich auf besondere Weise kameradschaftlich verbunden, hatten wir doch im Winter 1931-32 in der ”Kommune Bolschewo” zusammen gelebt, einer Wohn-, Lebens- und Kampfgemeinschaft nach dem Vorbild der Kommunegründungen in der Sowjetunion - ein ganz besonderes Kapitel in meiner Biographie. Mir wurde nichts geschenkt oder nachgesehen in diesen Diskussionen. Ich hatte es mit harten Bolschewiken zu tun, mit keinem Jota Verständnis für mich als Abweichler vom Kurs der Partei, bei aller Kameradschaft.
Mir wurden theoretische Fehler ernsthafter Art nachgewiesen, deren Kern im Nichtverständnis der Stalin - Thälmannschen These des Sozialfaschismus bestand. Ich studierte dann Stalins Werk "Fragen des Leninismus", in dem messerscharf der Nachweis geführt wurde, dass die Eliminierung der Parteien und Richtungen menschewistischer Machart aus der Arbeiterbewegung erreicht werden musste, ehe an eine erfolgreiche Revolution zu denken war. Ich las und las, begriff alles oder auch nichts. Mit den SPD - Führern von denen ich mich ja aus freiem Entschluss getrennt hatte, hatte ich ja wirklich nichts am Hut. Dass jedoch die Claußnitzer Führung und die Genossen von der SAP zu denen gehören sollten, von denen wir uns abgrenzen mussten, konnte ich nicht verstehen, trotz heißem Bemühen. Einheitsfront von unten ohne die Führer - das verstand ich nicht. Zweifel blieben.
Im Herbst 1932 schloss ich mich, ohne Anweisung oder irgendeine Order, enger an den Roten Frontkämpferbund an, die illegale Wehrorganisation der KPD, in die ich im März 1932 aufgenommen worden war. Die Führung der Abteilung des RFB Burgstädt lag in den Händen von Willy Schockenbäumer, von dem die Legende ging, er habe einst ein ganzes Regiment der Roten Ruhr Armee befehligt. Ich besaß eine Pistole 0815 an der mich Willy ausbildete. Es war eine zwiespältige politische Situation. Die Partei propagierte den Kampf um ein Sowjetdeutschland.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Nazismus an die Macht kommen könnte, ohne dass die deutsche Arbeiterklasse dem Faschismus eine Entscheidungsschlacht liefern würde. Waren das lediglich Ideen in meinem Kopf? Nein, das waren sie nicht. Willy Schockenbäumer starb unter den Kugeln der SS, des Limbacher Mordsturms, im November 1932. Ein halbes Dutzend unserer Kameraden wurde verletzt, dem Jüngsten musste ein Bein amputiert werden.
Ich war nicht nur Mitglied des illegalen Roten Frontkämpferbundes. Ich war auch als Delegierter der Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes im Ortskartell Burgstädt aktiv. Außerdem, wie schon erwähnt, fungierte ich als Instrukteur der Unterbezirksleitung Limbach der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Am nachfolgend vorgestellten Buch arbeiteten auch Mitglieder unseres Vereines mit. Wir möchten es an dieser Stelle gerne mittels der Verlagsankündigung vorstellen:
Bertram Seidel, Gabriele Seidel, Enrico Hilbert (Hrsg.)
Wie Lämmer zur Schlachtbank?
Jüdischer Widerstand und Verweigerung aus der jüdischen Bevölkerung in Sachsen gegen da NS-Regime 1933-1945
Das Buch erhebt hinsichtlich der erörterten Thematik weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf theoretischen Tiefgang. Ihr Hauptanliegen besteht vielmehr darin, anhand des Verhaltens konkreter Personen einen Eindruck vom Ausmaß resistenten Handelns aus der jüdischen Bevölkerung eines räumlich klar definierten Territoriums des Deutschen Reiches gegen das Herrschaftssystem der Nazis zu vermitteln und damit der in verschiedenen Milieus noch immer stark verbreiteten Pauschalansicht, die Juden hätten sich nich gegen das Hitlerregime und damit gegen ihr Verderben gewehrt, handfeste Tatsachen entgegenzusetzen. Bekanntlich wurde dieser Aspekt der Holocaust-Gesamtthematik zumindest im deutschsprachigen Raum über lange Zeit sehr stiefmütterlich behandelt und darüber hinaus von einigen Historikern wie beispielsweise Raul Hilberg in seiner 1992 erschienenen Publikation „Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933 bis 1945“ in der Vergangenheit auch verzerrt dargestellt.
Interessierte können das Buch direkt beim Verlag bestellen. >>> https://www.edition-av.de/

